Wie war es denn heute im Kindergarten?

Lernerfahrungen müssen nicht immer sichtbar sein

Obwohl der Regelbetrieb läuft, dürfen die Eltern die Kitaräumlichkeiten nicht betreten. Somit fehlt ihnen eine Idee davon, wie das Kind die Zeit verbracht hat. Was bleib, ist die tägliche Interessensfrage: „Wie war es heute in der Kita?“ oder „Was habt ihr heute gemacht?“. Auf die erste Frage kann das Kind schnell mit „gut“ bzw. „nicht gut“ reagieren, denn so gelingt die Beantwortung von Fragen, dessen Antwortmöglichkeiten begrenzt sind. Aber wenn die Antwort auf die zweite Frage stets nach dem Motto „Was in der Kita passiert, bleibt in der Kita“ beantwortet wird, dann bleibt ein großes Fragezeichen im Kopf der Eltern. Der Eindruck, „wenn ich nichts Sehen, nichts Greifen kann, dann gehe ich davon aus, dass in der Kita nichts passiert“, ist dann schnell geweckt.

Aber auch pädagogische Fachkräfte haben noch zu oft den Eindruck nicht viel „geschafft/gemacht“ zu haben. An dieser Stelle sollten wir uns allerdings fragen womit sich die Begriffe füllen lassen und was wir darunter verstehen. Die Verben „geschafft/gemacht“ assoziieren wir häufig mit dem Begriff der Produktivität, treu nach dem Motto: „Es muss viel entstehen und sichtbar für unser Auge sein, dann kann jeder sehen/bestaunen, dass was gemacht wurde.“ Am deutlichsten würde der Gedanke umgesetzt werden, indem alle Kinder einer Gruppe beispielsweise einen Drachen basteln und diesen in das Fenster hängen.

Nun versuchen wir mal zu entschlüsseln, was diese Aktivität für einen Lernerfolg bietet. Zunächst müssten innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne, alle Kinder der gleichen Aktivität nachgehen, auch wenn die vierjährige Emma sich aktuell viel lieber damit beschäftigt die Statik ihres Bauklotzturmes zu verbessern oder der fünfjährige Torben gerade die Begeisterung für Buchstaben entdeckt hat und nun fleißig übt seinen Namen zu schreiben. Ein Kind, welches nicht so gut schneiden könnte, wäre unzufrieden, weil es keine Freude daran hat und ein anderes frustriert, weil es sich mit dem besten Freund vergleicht, der das Schneiden viel besser beherrscht usw.

Also von dieser Perspektive scheint die Aktion nicht im Sinne des Kindes zu verlaufen. Somit fällt das Basteln in Gruppensache aus. Aber wie kann es dann trotzdem möglich sein etwas über den Herbst zu lernen oder das mathematische Grundwissen zu erweitern.

Im Alltag lernen Kinder viel mehr als wir es wirklich bemerken. Natürlich fallen aktuell Kastanien und andere Herbstfrüchte von den Bäumen und werden mit in die Kita gebracht. Hierdurch entstehen Erzählanlässe. Im besten Fall ist die Begeisterung für ein Thema so groß, dass es auch nach außen schwappt, aber auch das ist nicht unbedingt immer der Fall und wird somit nicht sichtbar. Aber trotz allem passiert viel mehr als das was wir sehen.

Während die kleinsten Kinder sich noch schwer in der Benennung des Naturobjektes tun und durch „das Greifen begreifen“ genießen andere ein Bad in der Kastanienwanne (Bildungsbereich: Bewegung, Sprache, Wahrnehmung). Im Flur hört man die Kinder im mittleren Alter laut lachen, weil sie die kullernden Rollbewegungen der Kastanien feiern (Bildungsbereich: Mathematik, Bewegung). Andere Kinder schleppen die Kastanien in den Rollenspielbereich, weil sie es viel spannender finden, neue Materialien beim Spielen in der Puppenecke zu verwenden (Bildungsbereich: Mathematik, Sprache). Die angehenden Schulkinder nutzen stattdessen die große Menge an Kastanien zum Zählen bzw. Wiegen (Bildungsbereich: Naturwissenschaft, Mathematik, Sprache) und auch hier erkennen wir, jedes Alter hat seine Interessen und auch in der Gruppe selbst ist die Begeisterung für ein Thema unterschiedlich intensiv.

Um diese individuellen Lernerlebnisse der Gruppen zu verdeutlichen haben wir seit einiger Zeit ein neues System eingeführt, welches uns, den Kindern und Ihnen als Eltern einen Einblick in das Gruppengeschehen vermitteln soll.

In der Vergangenheit hatten wir die Wochenrückblicke in schriftlicher Form an Magnetwänden der jeweiligen Gruppe ausgehängt, aber nun „blicken wir mit den Kindern gemeinsam auf dich Woche zurück“, so definierte es uns Clara, als wir nach der Bedeutung des Wortes „Wochenrückblick“ gefragt hatten. Am „fünften Wochentag“ reflektieren wir im Morgenkreis die Erlebnisse und Aktivitäten der vergangenen Tage. Im Anschluss gestalten die älteren Gruppen mit einzelnen Kindern gemeinsam die jeweilige Seite im Fotobuch.

Was bei den großen Kindern durch die Mithilfe bei der Auswahl von passenden Fotos, dem Ausschneiden der selbigen und auch dem Kommentieren der Bilder von statten geht, wird bei den Kleinen überwiegend von den Erzieherinnen in die Hand genommen.

Mit Hilfe des neuen Formates, dem Wochenrückblick, werden die individuellen Erlebnisse, Lernerfahrungen sowie unterschiedlichen Gestaltungsfähigkeiten der Kinder nach außen transportiert. Keines ähnelt vom Inhalt dem anderen und jedes Buch ist somit einzigartig und ganz besonders wundervoll.

 

Yvonne Backenhaus


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