Über die 100 Sprachen der Kinder und warum Projektarbeit so wertvoll ist

„Ein Kind ist aus hundert gemacht, ein Kind hat hundert Sprachen, hundert Hände, hundert Gedanken, hundert Weisen zu denken, zu spielen, zu sprechen. Hundert, immer hundert Weisen, zu hören, zu staunen, zu lieben...“ (L. Malaguzzi)

Bevor wir uns tatsächlich mit der Projektarbeit beschäftigen, möchte ich Sie auf einen kleinen Gedankenausflug mitnehmen.

Stellen Sie sich einmal vor: Sie sind mit ihrem Kind auf den Weg in den Kindergarten. Sie kommen zu Fuß oder mit dem Auto und an Ihnen vorbei fährt ein Feuerwehrwagen. Sie können das Blaulicht sehen und die Sirene hören. Sie blicken zu Ihrem Kind und sehen seine leuchtenden Augen. Diese folgen dem Feuerwehrfahrzeug bis es um die Ecke gebogen ist. Nun folgt ein Begeisterungssturm Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes. Sie können gar nicht schnell genug auf die ganzen Fragen und Ideen reagieren. Außerdem ist der Weg zum Kindergarten auch leider viel zu kurz, um alles ganz genau zu besprechen. Schon haben Sie die Eingangstür erreicht und Ihre Wege trennen sich fürs erste. Bitte halten Sie diese kleine Situation im Hinterkopf, während wir einen Blick auf unsere Konzeption werfen.

Sicher wissen Sie bereits, dass wir bei Kinderland unsere pädagogische Arbeit an dem Konzept der Reggio-Pädagogik anlehnen. Vielleicht wissen einige von Ihnen auch schon woher diese Konzeption stammt. Nämlich aus Norditalien, genauer gesagt aus dem Ort Reggio Emilia.
Dort prägte und formte Loris Malaguzzi das Bildungskonzept so, wie wir es heute kennen. Die bedeutendsten Aspekte der Reggio-Pädagogik formen sich aus der Betrachtungsweise auf das Kind.

Jedes Kind ist von Natur aus neugierig und möchte die Welt um sich herum entdecken. Es ist somit selbst Konstrukteur seiner Lebenswelt und soll durch uns die Möglichkeit bekommen, seine Umwelt frei erforschen zu können.

Die Interessen eines Kindes sollen hierbei unterstützt werden. Ziel ist es immer durch Offenheit und Zuwendung die Stärken eines jeden Kindes weiter auszubauen. Wir als Erwachsene fungieren innerhalb der Reggio-Pädagogik vor allem als Beobachter und Wegbegleiter. Während wir das Kind in seinem Tun im Blick behalten, begeben wir uns gleichzeitig zusammen mit ihm auf Forschungsreise und entdecken in der Welt um uns herum immer wieder Neues und Spannendes.
Zum Glück werden wir nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben, denn so bekommen die Kinder und wir die Möglichkeit, gemeinsam und auf Augenhöhe, zu forschen, zu erleben und zu begreifen. Die Beziehungen und Bindungen welche aus solch gemeinsamen Aktivitäten entstehen, stellen für unseren pädagogischen Alltag eine große Bereicherung dar.
Denn nur dort wo sich ein Kind respektiert, verstanden, akzeptiert und einfach wohlfühlt, kann überhaupt erst Bildungsarbeit stattfinden.

In der Reggio-Pädagogik spielt der Raum als „dritter Erzieher“ eine entscheidende Rolle. Durch unsere Beobachtung der Kinder kennen wir ihre aktuellen Interessen und verstehen ihre Bedürfnisse. Dahingehend passen wir unsere Räumlichkeiten und das Spielmaterial an. Der Gruppenraum unterliegt also einem ständigen Wechsel und spiegelt die aktuellen Themen und Erlebnisse der Kinder wider.
Durch die wechselnden Interessen und Bedürfnisse entsteht eine pädagogische Arbeit welche in Projekte gegliedert ist und nicht so sehr starren Lernzielen oder jahreszeittypischen Ereignissen folgt.

Die Projektarbeit nimmt also für die Entwicklung der Kinder und die Förderung ihrer Fähigkeiten einen sehr hohen Stellenwert ein und dient uns als wertvolles Medium in der täglichen Arbeit mit Ihren Kindern.
Das Schöne an der Projektarbeit ist die Möglichkeit, in Zusammenhang mit einem zentralen Thema viele verschiedene Bildungsbereiche anzusprechen und den Kindern gleichzeitig die Chance zu lassen, in ihrem ganz individuellen Tempo zu lernen.

Rufen Sie sich nun nochmal die Bringsituation ins Gedächtnis. Nehmen wir nun einmal das Thema „Feuerwehr“ als Beispiel für ein Projekt im Kindergarten. Das Kind, vielleicht Ihr Kind, nimmt seine Eindrücke vom Weg mit in die Einrichtung und erzählt den Erziehern und einigen anderen Kindern von dem spannenden Ereignis. Sofort sind mehrere Kinder Feuer und Flamme für das Thema Feuerwehr.
Die ganze Gruppe gerät in Aufruhr. Jedem Kind schwirren unendliche viele Fragen und Ideen durch den Kopf.

An einem Tag sind die Kinder vielleicht ganz interessiert an Bilderbüchern über die Feuerwehr und erfahren durch die Bücher und den Austausch untereinander und mit uns viele neue Information und Begriffe zu diesem Thema. Sie erweitern aber nicht nur ihr Wissen und ihren Wortschatz, sondern auch ihre sprachlichen Kompetenzen.

Am nächsten Tag verbringen einige Kinder viel Zeit im Atelier und verarbeiten ihre Eindrücke, in dem sie Bilder malen oder anders künstlerisch aktiv werden. Ihre Fantasie und Feinmotorik wird gefordert. Wieder andere Kinder spielen selbst Feuerwehr und nutzen vielleicht die Turnhalle, um mehr Platz zur Verfügung zu haben. Dort müssen Feuer gelöscht und mit den Einsatzfahrzeugen zu neuen Einsätzen gehuscht werden. Sie üben sich also in ihrer Motorik und schulen gleichzeitig ihr Sozialverhalten im Spiel miteinander.

Schon an diesem kurzem Beispiel lässt sich erkennen, wie vielfältig sich die Projektarbeit im Kindergarten darstellt und warum sie so wertvoll ist. Durch das zentrale Thema „Feuerwehr“ werden viele Kinder angesprochen. Ihre Neugier wird geweckt und sie werden auf ganz unterschiedliche Weisen aktiv ins Spiel finden.
Hierbei entwickeln sie ihre Fähig- und Fertigkeiten ganz ohne Zwang und Druck weiter. Häufig fehlt den Kindern im Elementarbereich noch die Sprache, um sich passend auszudrücken und die für sie wichtigen Fragen zu stellen.

Wenn man sie aber im Zuge eines Projekts beobachtet, stellt man schnell fest, dass sie die „eine“ Sprache, unsere Sprache, zwar noch nicht komplett beherrschen, dafür aber mindestens 100 weitere Sprachen wunderbar „sprechen“ können und kein Problem haben sich auszudrücken.
Durch ihren offenen Blick auf die Welt, nehmen sie dabei häufig viel mehr wahr als wir selbst. Sie nutzen all ihre Sinne, ihre Hände und Augen, zum Entdecken, Anfassen und Begreifen. Sie malen, schneiden und kleben. Sie klettern, rennen und hüpfen. Sie werken und erschaffen. Sie sind neugierig und mutig. Sie sind Beobachter, Forscher, Künstler und manchmal auch Feuerwehrmann.

Sie haben unendlich viele Ideen und können, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Welt auf 100 verschiedenen Wegen kennenlernen, erfahren und dabei über sich hinauswachsen.


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