Sie schmeißen jetzt den Kita-Haushalt

Berichterstattung Westfälische Nachrichten, 23.4.2021

von Michael Hagel

Wie sogenannte Alltagshelferinnen die Erzieherinnen entlasten – Programm der Landesregierung

 

Eine pädagogische Ausbildung hat Birgit Ritter nie absolviert. Dennoch arbeitet die 62-jährige Ibbenbürenerin jetzt schon seit Oktober im „Kinderland“ Ibbenbüren, einer Kindertageseinrichtung von „Lernen fördern“. Und fühlt sich rundum gut dabei. Möglich macht das ein Programm des NRW-Familienministeriums. Mit der Kampagne #ichhelfemit finanziert die Landesregierung seit Herbst letzten Jahres sogenannte Alltagshelferinnen und -helfer, die sich auf 450-Euro-Basis in den Kindertageseinrichtungen nützlich machen können.

Dort, so die Idee, sollen sie die pädagogischen Fachkräfte bis zu zehn Stunden pro Woche entlasten – vor allem von den drastisch erhöhten Hygienemaßnahmen, aber auch in der Küche und von weiteren hauswirtschaftlichen Arbeiten.In den „Lernen fördern“-Einrichtungen arbeiten zurzeit kreisweit 22 Alltagshelferinnen, „tatsächlich ausschließlich Frauen“, wie Petra Fettich, die Leiterin der Kindertagesbetreuung, sagt. „Das sind Rentnerinnen wie Frau Ritter, aber auch Studierende, deren Kneipenjobs etwa in der Pandemie weggefallen sind.

„Altermäßig geht das von 20 bis 62 Jahren. Für uns sind das ganz wichtige Hilfen“, sagt Fettich. Das bestätigt auch Heike Kalverkamp, Leiterin des Ibbenbürener Kinderlands an der Wagnerstraße: „Birgit Ritter hilft in der Küche, beim Frühstückstreff und auch sonst. Sie arbeitet gemäß unseres Hygieneplans und entlastet die Erzieherinnen wirklich substanziell.“

Dass die Landesregierung das ursprünglich nur bis zum Jahresende 2020 laufende Programm bis Ende Juli verlängert hat, bezeichnet sie als „Glücksfall für uns.“ Ziemlich ähnlich sieht Birgit Ritter das: „Die Tätigkeit hier macht mir sehr viel Freude, auch und vor allem die Arbeit mit den Kindern.“ Sie selbst hat drei erwachsene Söhne und bereits drei Enkelkinder, weiß also recht gut, wie sie mit Kindern umgehen muss.

In den „Lernen fördern“- Kindertagesstätten, berichtet Petra Fettich, würden mittlerweile wieder fast alle Kinder regelmäßig kommen, „da tut eine solche Entlastung gut.“ Woanders mag die Situation etwas anders sein, aber im „Kinderland“ könne man diese Hilfe prima gebrauchen. „Es wäre schön, wenn das verstetigt würde“, so Fettich. Sie nennt eine mögliche Regelfinanzierung über das neue Kinderbildungsgesetz NRW (KiBiz) als Option. „Auch eine Weiterqualifizierung über den 31. Juli hinaus fänden wir toll.“

Nicht nur die erhöhten Hygienestandards machen aus Sicht der Kindertageseinrichtungen die Alltagshelferinnen- Kampagne erforderlich, auch andere Gründe würden dafür sprechen: So fehlten zuletzt Mitarbeiterinnen, die zur Risikogruppe gehören oder es waren Mitarbeiterinnen aufgrund von Quarantäne- Auflagen nicht verfügbar. Außerdem kann durch die strenge Gruppentrennung das Personal aktuell nicht „gesplittet“ werden.

Über 25 000 Euro hat der Träger „Lernen fördern“ bislang vom Land für seine Alltagshelferinnen erhalten, „10 500 Euro für die Zeit von August bis Dezember 2020 und nochmal 14 700 Euro für die Zeit von Januar bis Juli 2021“, erklärt Petra Fettich. 90 Prozent dieser Beträge seien Personal-, zehn Prozent seien Sachkosten. Unabhängig von den finanziellen Dingen, sagen sie unisono bei „Lernen fördern“, sei der sonstige Mehrwert der Kampagne zu bewerten.

Für die Träger seien die Helferinnen motivierte neue Mitarbeitende, die den Erzieherinnen und Erziehern die Konzentration auf die aufgrund der Pandemie anspruchsvollere pädagogische Arbeit ermöglichen würden. Für die Alltagshelferinnen sei es oft ein niederschwelliger Einstieg in ein neues Berufsfeld und nicht selten auch ein gerade jetzt dringend benötigtes Zubrot. Birgit Ritter jedenfalls kann sich gut vorstellen, im „Kinderland“ weiterzumachen: „Das wäre toll, wenn das über den 31. Juli hinaus klappen würde.“


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