Fachbericht „Lernort Wald“

oder „Warum unsere Kinder auf gar keinen Fall auf Waldbesuche verzichten sollten“

Fachbericht „Lernort Wald“ oder „Warum unsere Kinder auf gar keinen Fall auf Waldbesuche verzichten sollten“

„Der junge Mensch braucht seinesgleichen- nämlich Tiere, überhaupt Elementares: Wasser, Dreck, Gebüsch und Spielraum. Man kann ihn auch ohne aufwachsen lassen, mit Stofftiere, Teppichen, auf asphaltierten Straßen und Höfen. Es überlebt es, doch man soll sich nicht wundern, wenn es später bestimmte soziale Grundleistungen nicht mehr erlernt.“ Alexander Mitscherlich, Psychoanalytiker

Bezogen auf dieses aufschlussreiche Zitat ergeben sich so manche Fragen: Ist der Wald ein Lernort für unsere Kinder? Fungiert der Raum „Wald“ als dritter Erzieher?

Wie sieht unsere Rolle als Lernbegleiter der Kinder aus? Wie wirkt sich der Raum „Wald“ auf die Selbstwirksamkeit und auf die Kompetenzentwicklung unserer Kinder aus? Alles Fragen, die wir in den kommenden Abschnitten etwas näher betrachten wollen.

Durch regelmäßige Einblicke in die Reggio-Pädagogik wissen wir, dass ein Raum im Allgemeinen als dritter Erzieher verstanden wird.

Ein Raum wirkt auf die Kinder. Er wirkt sich auf deren Bildungsprozessen und deren Interaktionen aus. In der Regel machen Fachkräfte sich diese Wirkung zu Nutze und gestalten so ihre Bildungsräume. Aber auch der Raum „Wald“ wird als dritter Erzieher genutzt. Ein Wald ist kein hermetisch abgeschlossener Raum, er ist unbegrenzt.

Dadurch das wir uns in einen naturnahen Lebensraum befinden, ergibt sich eine Wohlfühldimension.

Allein durch die passende Farbgebung der Natur wird eine entspannende und ästhetische Umgebung vorgegeben.

Das bedeutet für die Kinder das ihre Abenteuerlust geweckt wird und sie ihre Neugierde ausleben können. Ihre Wahrnehmung wird vollumfänglich angesprochen, sie erleben ein Wechselbad aus Konzentration und Entspannung. Sie finden Rückzugsorte und Material in den unterschiedlichsten Beschaffenheiten steht ihnen zur durch natürliche Begrenzung zur Verfügung.

Was bedeutet das jedoch für die begleitende pädagogische Fachkraft? Diese dürfen Lernbegleiter sein.

Ein Lernbegleiter positioniert sie sich deutlich in der „passiveren“ Rolle. „Beobachten statt Vorgeben“ sollte im Vordergrund stehen. Das bedeutet keineswegs Desinteresse zu zeigen, vielmehr bedeutet es sich dem Kind mit wertschätzenden und aufmerksamen Verhalten zu begegnen.

Dieser Prozess beinhaltet die Fragen der Kinder zu beantworten, Hilfestellungen zur Weiterentwicklung der Ideen zu leisten und ihr Ansprechpartner zu sein. Ein Lernbegleiter fungiert häufig auch als Gedächtnis der Kinder. Das bedeutet, das man mit den Kindern wieder ins Gespräch kommt über ihre Ideen, auch zu einem späteren Zeitpunkt, um ihr Interesse entweder wieder aufkeimen zu lassen oder eben nicht. Von der Fachkraft werden Regeln zum Schutz der Flora und Fauna und zur Aufsichtspflicht (Grenzen) aufgestellt.

Unsere Kinder spiegeln uns in unseren Verhalten, sie lernen von uns, das bedeutet, dass wir eine ganz klare Vorbildfunktion auch innerhalb von Naturräumen haben. Wir müssen authentisch und achtsam mit dem Gut der Natur umgehen.

Um von den Kindern als Entwicklungspartner wahrgenommen zu werden, ist es hilfreich unterstützendes Material zur Hand zu haben wie Naturführer, Becherlupen, Schaufel, Sparten etc. Auch darf zu Interesse- und Forschungszwecken mal „Google“ befragt werden. Grundsätzlich organisieren die Kinder ihren Aufenthalt, ihr Spielinteresse und ihre Lerninhalte selbst. Das bedeutet, die Fachkräfte geben keine angeleiteten Angebote vor, halten das entsprechende Material bereit.

Habe ich anfangs geschrieben, das die Fachkraft „nur“ die passive Rolle einnimmt, so wird nun ziemlich deutlich, dass diese „passive aber flexiblere“ Rolle wesentlich anspruchsvoller und intensiver ist als die der vorgebenden, gebunden und geplanten Arbeit.

Jetzt keimt allerdings die Frage auf, warum das Ganze? Wäre es nicht wesentlich einfacher für die Fachkraft den Tag strukturiert durchzuplanen? Sich auf bestimmte Lerninhalte vorzubereiten und bestimmte Förderpunkte zu setzen?

Geplante Inhalte im Kindergartenalltag sind genauso wichtig und wertvoll, jedoch zeigen die Erfahrungen gerade im Wald das durch das Zusammenspiel des Waldes als Dritter Erzieher und der Lernbegleiter „Fachkräfte“ bei den Kindern ein so wichtiges und großes Gefühl der Selbstwirksamkeit ausgelöst wird.

Kinder erleben und fühlen mit allen Sinnen, ihre Neugierde und ihr Forscherdrang ist unersättlich. Und diesen können, dürfen und sollen sie ungehindert nachgehen können. Sie dürfen für sich selbst agieren. Sie sammeln Erfolgserlebnisse, aber auch das Scheitern von Ideen muss verarbeitet werden.

Der Wald verführt jeden Charakter zum Selbst- Aktiv-Werden. Es findet Stunde um Stunde eine ganzheitliche Entwicklungsförderung statt, nahezu jeder von uns bekannte Bildungsbereich wird angesprochen. Das natürliche Bedürfnis des Kindes die Natur zu spüren wird befriedigt, zusammen in einer Großgruppe entwickelt sich eine enge Dynamik.

Die Kinder beginnen von Waldbesuch zu Waldbesuch eine Art Achtung vor der Natur zu entwickeln, die Achtsamkeit gegenüber dem Lebendigen durch die eigene Erfahrung steigt. Die Kinder erlernen eine wichtige Grundkompetenz. Empathie (Mitgefühl/ Einfühlungsvermögen). Diese Empathie entsteht auf die Reaktion durch das eigene Tun. Und nicht umsonst heißt es schließlich: „Wir können nur das schützen, was wir lieben gelernt haben.“ Und jetzt frage ich Sie. Unsere Kinder dürfen auf keinen Fall auf den Waldbesuch verzichten, stimmen Sie mir zu?

 

Saskia Krischke


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