Der Raum als dritter Erzieher

„Räume dienen dem Ziel, das Staunen über die Vielfalt, die Geheimnisse und den Zauber der alltäglichen Phänomene wiederzuentdecken. Unsere Einrichtungen sind vor allem Werkstätten, in denen Kinder die Welt untersuchen und erforschen.“ (Aus der unveröffentlichten Mitschrift eines Gesprächs mit Malaguzzi, o.O., o.J.)

Ich habe mir gedacht, dass diese Aussage Malaguzzis eine gute Einführung in dieses Vielseitige Thema der Raumgestaltung darstellt. Malaguzzi ist der Mitbegründer der Reggiopädagogik, an die das Konzept von Kinderland angelehnt ist. Im Kern dieser Aussage wird in diesen zwei Sätzen sehr deutlich, warum dem Raum eine zentrale Rolle beigemessen wird und somit neben dem Erzieher und dem Kind selbst zum wichtigsten Instrument in der Entwicklung des Kindes.
Ausgehend von diesem Zitat, möchte ich Ihnen im laufe der folgenden Ausarbeitung die Bedeutung des Raumes und dessen Inhalt für die Entwicklung und Alltagsgestaltung eines Kindes näher bringen. Dahingehend stellen wir uns die Fragen: „Was bedeutet überhaupt „Raum als dritter Erzieher?“, „Was ist für eine geeigneten Raumgestaltung zu beachten?“ und „ Welche Auswirkungen kann und soll die Raumgestaltung haben?“.


Was bedeutet überhaupt der „Raum als dritter Erzieher“?

Bevor wir uns dieser Frage widmen, möchte ich Sie einmal dazu anhalten, den Raum in dem Sie sich gerade befinden bewusst wahrzunehmen. Sind Sie in ihrem Wohnzimmer? Stellen Sie sich einmal die Frage, wieso dieser Raum genau so eingerichtet ist. Wieso haben sie sich für bestimmte Farben, Möbel und Dekorationsgegenstände entschieden? Die Antworten darauf werden sehr individuell ausfallen, jedoch dient die persönliche Einrichtung meistens dem Wohlfühlen. Jeder von uns hat sich seinen Wohnraum entsprechend der Nutzung eingerichtet, doch jeder benötigt etwas anderes und persönliches, wodurch dem Raum Leben eingehaucht wird. Dazu treffen wir mal bewusst und mal unbewusst Entscheidungen. Ich hoffe ich konnten Ihnen mit dieser kleinen Ausführung näher bringen, welche Rolle der (Lebens-)Raum für jeden von uns spielt. Ein Kind nimmt den Raum aus einer ganz anderen Perspektive wahr. Es sucht Wege und Möglichkeiten den Raum durch spielen, entdecken, erleben, klettern und experimentieren zu erobern und nimmt auf diesen Weg viele verschiedene Lernerfahrungen mit. Daher die Bezeichnung als „dritter Erzieher“. Neben der Fachkraft und der kindorientierten Erziehung wird der Gruppenraum als effektive Unterstützung und Entwicklungsbegleitung genutzt.


Was ist für eine geeignete Raumgestaltung zu beachten? Eine Anleitung für den genauen Aufbau eines Gruppenraums gibt es natürlich nicht und stellt für die Fachkräfte immer wieder eine neue Herausforderung da. Je nach Altersstufe, Gruppendynamik und individuellen Interessen müssen auch die Gestaltungsangebote variieren. Hier liegt es in der Hand der Erzieher genau zu beobachten, was in der Lebenswelt der Kinder gerade bedeutsam ist. Es gibt jedoch gewisse Punkte, die man bei der Raumgestaltung beachten sollte. Zu erst darf der Raum nicht überladen sein mit vielen Möbeln, vollbehangenen Wänden und übermäßig viel Spielzeug. Die Kinder sollen weder durch eine Reizüberflutung überfordert, noch durch zu viel Einrichtung sich eingeengt oder erdrückt fühlen. Vor allem zu hoch auf gehangene Bilder und zu viele „Erwachsenenschränke“, die die Kinder nicht einsehen können sind zu vermeiden. Auf der anderen Seite sollte der Raum jedoch nicht zu leer wirken und somit leblos und langweilig anmuten. Ein gesundes Mittelmaß ist hier gefragt.
Des Weiteren ist es wichtig, dass der Raum zum selbstständigen und unabhängigen Erleben einlädt. Die Umgebung und die angebotenen Materialien sollten vielfältig Nutzbar und anregend präsentiert sein. Dadurch werden den Kindern verschiedene Möglichkeiten geboten sich selbst auszudrücken und ein individuelles Spiel zu initiieren. Dabei ist es wichtig, dass die Umgebung den Kindern zwar Impulse setzt, aber keine Ideen vorweg nimmt. Beispiel aus dem Kreativbereich: Viele verschiedene Materialien mit vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten(z.B. Papprollen, Knöpfe, Knete, Wolle, Farbe usw.) werden den Kindern anregend und geordnet präsentiert. Die sind automatisch dazu eingeladen die Materialien rauszuholen, auszuprobieren und zu kombinieren. Und schon sind sie mitten in einem kreativen Denkprozess, der sich bis zu einem Projekt entwickeln kann. Die Kinder kommen auf neue Ideen und fangen an miteinander zu interagieren.
An dieser Stelle ist wieder die Beobachtung der Erzieher gefragt. Welche Materialien werden viel genutzt, welche gar nicht und warum? Wann wird es Zeit zu reduzieren oder erneuern? Zu beachten ist auch die Frage, ob die Kinder oft die Hilfe von Erwachsenen benötigen. Ist dies oft der Fall, sollten die Materialien bzw. die Möbel kindgerechter gewählt werden. Je nach Lebenswelt und temporären Interessen, ist es wirkungsvoll die Materialien und Impulse daran anzupassen. Wenn zum Beispiel die Kinder gerade ein großes Interesse an Polizeistationen haben, stellt man ihnen die nötigen Utensilien(Karton, Farben, Bilder zur Inspiration) zur Verfügung um eine nachzubauen.
Außerdem ist der Raum eine gute Möglichkeit die Kinder dazu anzuleiten, mehr miteinander zu spielen und neue Kontakte zu knüpfen. Die Interaktion der Kinder untereinander soll gefördert werden, in dem zum Beispiel durch Nutzungsräume und Spielbereiche, die verschiedene Interessensgebiete verbinden ein Miteinander erzeugen, das unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden wäre. Klingt komplizierter als es ist. Wenn die Fachkraft zum Beispiel beobachtet, dass in der Gruppe die Jungen und Mädchen häufig getrennt spielen, sucht sie einen Weg dem entgegenzuwirken, ohne etwas zu erzwingen. Nehmen wir mal an die Jungen spielen stereotypisch gerne bewegungsintensive Spiele wie „Polizist und Dieb“ , die Mädchengruppe hingegen nutzt ebenfalls stereotypisch gern den Kreativbereich zum basteln und malen. Gibt man nun wie oben bereits erwähnt den Anreiz den Raum in eine Polizeistation umzuwandeln, verbinden sich im Optimalfall die Interessen, da hier basteln und bewegen zusammenkommt.
Ganz besonders wichtig zu beachten, sind die Bildungsmöglichkeiten für das Kind im Einzelnen und als Gruppe. Der Raum muss durch eine sinnvolle Bereichsaufteilung viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bieten. Kinder brauchen dazu einen altersgemäßen Konstruktionsbereich, verschiedene Möglichkeiten zu forschen(Physik und Natur, z.B. Magnete, Lupen, Waage), einen Rollenspielbereich mit lebensnahen Materialien(z.B. echte Küchenmaterialien) und vor allem die Möglichkeit ihre persönlichen „Schätze“ zu präsentieren und zu dokumentieren. Wie in der Reggiopädagogik verankert spricht das Kind mit 100 Sprachen, es hat 100 verschiedene Arten sich ausdrücken und sein Denken mitzuteilen. Dies soll der Raum ihnen erleichtern. Durch sprechende Wände wird den Kindern ermöglicht, ihre Erfahrungen und Entdeckungen selbst zu dokumentieren. Dafür können sie allein oder mit Hilfe der Erzieher auch verschiedene Medien hinzuziehen.
Die Möglichkeiten einen Raum zu gestalten sind schier endlos. Man könnte noch tiefer ins Detail gehen oder zum Beispiel über weitere Themen wie die Farbgebung reden. Dies würde hier jedoch den Rahmen sprengen. Ich wollte Ihnen hiermit einen Einblick geben, was es alles zu beachten gibt und warum der Gruppenraum als solcher nie willkürlich oder von uns Erwachsenen bestimmt aufgebaut werden darf. Genau wie in der Erziehung selbst, gibt das Kind den Weg vor.
Und so kommen wir schon zur letzten Frage.


Welche Auswirkungen kann und soll die Raumgestaltung haben? Ich denke einige wichtige Punkte und Erfahrungsmöglichkeiten können Sie sich bereits ausmalen bzw. habe ich schon angedeutet. Ich möchte aber nochmal gezielt auf die wichtigsten Punkte eingehen, um Ihnen zu verdeutlichen, warum der Raum mit dem Wort „Erzieher“ betitelt wird. Durch die vielen verschiedenen Erfahrungsmöglichkeiten, in denen sich das Kind mit sich selbst auseinandersetzt, wird das lernen effektiv gefördert und unterstützt. Die Kinder durchlaufen immer wieder durch die oben erwähnten Anreize einen Selbstbildungsprozess. Sie stoßen auf Probleme oder Fragen, die sie für sich selbst lösen können und entwickeln so Autonomie und vor allem Selbstvertrauen. Durch die wenigen vorgegebenen Spielsachen und dafür mehreren vielseitig nutzbaren Materialien erleben sich die Kinder als Erfinder von neuen Dingen. Sie interagieren mehr miteinander und lernen Rücksicht zu nehmen, zu kommunizieren und Einsichten zu entwickeln. Die 100 Möglichkeiten sich selbst ausdrücken fördern die Bildung einer eigenen Identität. Das Kind sieht, was es geschaffen hat und sieht vor allem sich selbst darin. Das ganzheitliche Lernen wird durch das beanspruchen und anregung aller Sinne in den Mittelpunkt gestellt. Die Kinder drücken sich nicht nur über Sprache aus, sie lernen hinzuhören, zu fühlen und ihr Denkprozess wird regelrecht sichtbar. Der (Lebens-)Raum bietet den Kindern die nötige Sicherheit dazu. Sie fühlen sich wohl, geborgen und vertraut mit dem Raum, sind aber dennoch oder gerade deshalb immer wieder herausgefordert, über sich hinauszuwachsen.
Zu guter Letzt möchte ich Ihnen noch das „Remida-Prinzip“ näher bringen. Sie kennen es wahrscheinlich besser unter dem Begriff „Beautiful Stuff“. Remida (Re= Reggio oder auch Recycling; Mida= griechischer König, der alles zu Gold werden lässt, was er anfasst) bezeichnet die vielfältige Wiederverwendung von alten Verpackungen, Knöpfen oder sonstigen Gebrauchsgegenständen, die eigentlich „Müll“ sind. Die Kinder zeigen uns jedoch, welchen Wert die Gegenstände noch haben. Sie laden zum basteln, werken, forschen und zum Rollenspiel ein und fördern ganz nebenbei ein nachhaltiges Denken und eine Wertvorstellung, die den Kindern zeigt: Nichts ist wertlos.

Robin Meier

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